Assoziatives zum Wochenende.

Angeregt durch diesen zufaellig gefundenen Blogeintrag sind mir einige interessante Stellen in Buechern von Jean Améry, Volkmar Sigusch und Roswitha Scholz zu Theorie & Widerspruch eingefallen. So wie Luhmanns Zettelkasten u.a. auch nach dem Prinzip Zufall funktionierte, ist das hier alles sehr assoziativ.

Ich habe keine Begabung zur Systematik und wahrscheinlich auch wenig Achtung vor ihr: man kann, ich habe es oftmals in der Geistesgeschichte beobachtet, Strukturen errichten und die Wirklichkeit ihnen einpassen – so enstehen gewaltige, aber manchmal gewalttaetige Begriffsgebaeude. Die Ergebnisse stehen zumeist in keinem Verhaeltnis zur Anstrengung der Abstraktion. Dergleichen konnte meine Sache nicht sein, ich war ja und bin allerwegen der eigenen Idee viel zu wenig gewiss, als dass ich sie mit Aplomb methodisch wuerde ausarbeiten koennen wollen. Kaum ist ein Gedanke gefasst, stellt auch schon der Widerspruch sich ein, den ich nicht ersticke, sondern, im Gegenteil, hege, so lange bis er mir die erlangte Idee umgebracht hat. (Jean Améry, Lefeu, S.174)

Jedes geschlossene theoretische Corpus tendiert zum Terror. (Volkmar Sigusch, Neosexualitaeten, S. 220)


Fellinis Gebot, ein “guter Film” sollte nicht auf Autonomie eines Kunstwerks abzielen, sondern “Irrtuemer in sich bergen wie das Leben, wie die Menschen”.
(Nach Siegfried Kracauer, Theorie des Films, S. 391. Bachmann, “Frederico Fellini: An Interview”, in Hughes, ed., Film: Book I, S.103)

Ohne die Ebene des Kulturellen zu hypostasieren, kann vermutet werden, dass sich die spezifischen Geschlecherverhaeltnisse aufs Ganze gesehen auch im Hinblick auf kulturelle Unterschiede jeweils anders gestalten. Ueberhaupt muss gemaess der Wert-Abspaltungstheorie auch in dieser Hinsicht die Spannung zwischen Allgemeinem und Besonderem ausgehalten werden. Das heisst, ein derartiges Totalitaetsverstaendnis kann nicht einfach “von oben” her verfahren, sondern muss den besonderen Gegenstand trotz notwendiger begrifflicher Verallgemeinerung beruecksichtigen. Das geht sogar so weit, dass ein solches Verstaendnis auch bereit ist, sich um der Besonderheiten willen, wenn diese gewissermassen staerker ins Gewicht fallen als das Allgemeine, sogar auf der Ebene der Basiskategorien selbst zurueckzunehmen; im Gegensatz etwa zu Adorno, fuer den trotz “methodologisch” aehnlicher Annahmen der Tausch dennoch einen ontologischen Charakter besitzt. Diese Selbstrelativierung und sogar Zuruecknahme im Sinne eines nicht-identitaetslogischen Denkens gilt fuer die Wert-Abspaltungstheorie, wie gezeigt wurde, selbst dann noch, wenn sie auf die (gross-)begriffliche Allgemeinheit der Wert-Abspaltung als Basisprinzip pocht. (S.28f)

(…)

Schon auf der Ebene der grundsaetzlichen Theoriebildung muss sich also die Theoretikerin ihrer Mitbeteilung und Mitverantwortung an den rassistischen und antisemitischen Gesellschaftsverhaeltnissen bewusst sein, muss sie versuchen, daraus Konsequenzen zu ziehen und entsprechende Ausblendungen zu vermeiden. (S.32) (Roswitha Scholz, Differenzen der Krise – Krise der Differenzen)

Schloendorff, Volker

I just love Toerleß by Robert Musil. Together with Richlers Duddy Kravitz and Stephen Dedalus by Mr. Joyce this forms the triumvirate of youth in literature (i‘m givin‘ lectures right now! – It’s almost mandatory to know and worship these books!). And then i came across Volker Schloendorff (yep, the dumbass who did „Strajk“ and calls Angela Merkel a friend; the only thing of interest is his debate with Constantin about TV and film) and his adaption of the book by Musil. You know, i‘ve a copy of this flick for quite a while now and i always hesitated watching it not ‚cos i think the film might just ruin this great piece of literature, no no, it’s the main actor MATHIEU CARRIÈRE – a perfect example of germanies leading role in spitting out some of the worst actors in the history of cinema (we‘re talking about big shots like Franka Potente, Moritz Bleibtreu and Til Schweiger as well as the new breed with representitives like Daniel Bruehl & August Diehl). But i had hopes, hope Carrière might had his full scale of stupidity not reached at this time (he was young, very young, only 16!). But no chance, he already was the smugly piece of wannabe actor he is today – incredibly bad! But not just him! I/We made it only half through and the actors were fucking bad, the story and everything was shrinked without adding anything, perfect example of a bad adaption! You can‘t just go and take some astonishing material turning it into a movie and proclaim it as a piece of art as well, you gotta do something on your own and i don‘t mean shrinking a brilliant book to a 90 minutes amusement and say it’s art as well. This is shit and you‘ve never been Kluge nor Fassbinder, you‘re the friend of Angela Merkel and that’s pretty much it.

2 neue(re) Buecher

Zum einen ein fruehes von Mordecai Richler, das jetzt zum ersten mal in dt. Uebersetzung erschienen ist.

Mordecai Richlers frühes Meisterwerk erstmals in deutscher Übersetzung. »Die Lehrjahre des Duddy Kravitz« ist eine burleske Komödie über die großen Träume eines jungen Mannes, mitreißend erzählt, voller skurriler Momente und Figuren.

Duddy Kravitz wächst in der St. Urbain’s Street auf, mitten im jüdischen Viertel von Montreal. Er stammt aus einfachen Verhältnissen und muß früh lernen sich durchzusetzen. Die Jungs aus dem Viertel bewundern ihn, er ist gewitzt, verschlagen, immer zu allem bereit. Als ihm eines Tages sein Großvater Simcha erzählt, daß ein Mann ohne Grund­besitz ein Niemand sei, steht für ihn fest, daß er ein Stück Land erwerben muß. Nachdem er die Mittelschule beendet hat, setzt er alles daran, seinen Traum zu verwirk­lichen – ob als Schmuggler oder Filmproduzent, als rasender Taxifahrer oder Vertreter für Toiletten­artikel ist ihm gleichgültig. Hauptsache, es kommt genügend Geld zusammen. Doch Duddy verstrickt sich in immer turbulentere Unternehmungen und vergrault nach und nach all jene, die ihm wohlgesonnen sind …
Mit bissigem Humor erzählt Mordecai Richler von den Abenteuern eines jungen Mannes, der die schmerzhafte Erfahrung machen muß, daß unsere Träume nie das sind, was wir glauben – selbst wenn sie wahr werden. »Duddy Kravitz« ist ein brillant geschriebener, höchst unterhaltsamer Roman, mit dem Mordecai Richler den Durchbruch als Schrift­steller schaffte und seitdem zu den bedeutendsten Autoren Kanadas zählt.

richlerbuch

Liebeskind Verlag
Noch ein etwas aelterer Teaser zu Richler aus dem Nachbarhaus: Sagacity

Das zweite Buch ist wieder ein „Fruehwerk“: Die Schiffbruechigen von Jean Améry. Irgendwie muss sich Améry fuer den haesslichen Verlag doch amortisieren. In wenigen Wochen erscheint der naechste Band der Werkausgabe, wo die Schiffbruechigen auch an Board sein werden.
Beide Buecher sind auf jedenfall sehr empfehlenswert!
Die Schiffbruechigen

Nina Berberova [Astaschew in Paris]

Es faellt mir recht schwer, etwas zu dem Buch bzw. der Schriftstellerin zu sagen. Das Buch mutet auf den ersten Blick wie eine kleine Schreibuebung (wider das Einrosten), wie ein Intermezzo zwischen ernsthafteren Projekten, an. Vielleicht auch wie eine Studie fuer ein kommendes Werk, die Figur Astaschew, die erst einmal ausgelotet werden soll.

Viel laesst sich zu Nina Berberova nicht finden. Ein paar Referenzen zu grossen Maennern der Literatur, so lebte sie voruebergehend in einem Haus mit Maxim Gorki, pflegte Freundschaften mit Vladimir Nabokov & Boris Pasternak und war mit Vladislav Khodasevich verheiratet.
Erst in den 1980ern wurde die leidenschaftliche Chronistin der russischen Emigrantenszene im Paris der Dreißigerjahre [Der Standard, 20.10.2006| wiederentdeckt. Inzwischen sind ihre Buecher in ueber 20 Sprachen uebersetzt worden.
Das, was es mir, nach nur diesem einen Buch mit knapp 100 Seiten, schwer macht, Berberova zu klassifizieren, ist wohl vielmehr das, was sie ausmacht. Sie schreibt sehr souveraen, fast Erhaben koennte der Schreibstil genannt werden. Sie ist weder Arno Schmidt noch Djuna Barnes. Ihre Sprache ist „knapp, praezise, humorvoll und melancholich“ [FAZ]… „Nuechternheit“ liesse sich als ein weiteres Charakteristikum ihres Schreibstils ergaenzen. In seinem Artikel zu Nina Berberova trifft es Carlos Amantea sehr gut: „[S]he constructs her own rules: what to include, what to leave out, what to emphasize. And I claim it is these self-designed, self-emposed rules of fiction that turn a story that might be interesting into a masterpiece.“ Spaeter schreibt er (noch euphorischer): „we are in the hands of a divine master.“ …was herauszufinden sein wird!

| Nina Berberova | Astaschew in Paris | Verlag Klaus Wagenbach | 2006 | Kartoniert | 96 Seiten | 8.90 Euro |

ralphmag.org