Iraq In Fragments.
[2006 / Regie: James Longley]
Der erste & beste Film der Coen-Brueder, BLOOD SIMPLE, hat beim Sundance Film Festival den Grand Jury Prize gewonnen und obwohl in den letzten Jahren auch diverse schlechte Filme da Preise gewonnen haben, uebt Sundance, seitdem ich um den Award fuer die Coen-Brueder weiss, eine magische Anziehungskraft auf mich aus. IRAQ IN FRAGMENTS lief da 2006 im Wettbewerb und erhielt auch diverse Preise (groesster Erfolg bleibt wohl aber die Oscar-Nominierung).
Die Dokumentation besteht aus 3 Teilen. Es gibt keinen Erzaehler oder Interviewer. Die Kamerab beobachtet die Menschen, hoert ihnen zu.
„Mohammed of Baghdad“ ist ein 11-jaehriger Junge, der in der Werkstatt seines Onkels arbeitet. Er erzaehlt von seinem Leben. Pilot moechte er werden, um schoene Orte sehen zu koennen, nicht nur den Irak. Er erzaehlt von seiner Arbeit, aber auch, die Kamera folgt ihm dahin, von der Schule. Mohammed ist seit 4 Jahren in der 1. Klasse und kann noch nicht mal den Namen seines Vaters schreiben – das macht seinen Onkel wuetend. Wir sehen auch, wie der Onkel dem Jungen am Ohr zieht, ihn anbruellt, ihm einen „Klaps“ gibt, wie der Junge weint und trotzdem lieber sterben moechte als an seine alte Arbeitsstelle zurueckzukehren.
Die Maenner reden von Politk, dem, warum die Amis da sind. Der Onkel von Mohammed haette gern „Saddam“ zurueck, damit jener sehen kann, was aus dem Irak geworden ist „Es wird jeden Tag schlimmer!“
„Sadr’s South“ folgt Anhaengern von Muktada as-Sadr (in „Sadr City”), „radicals“, die „Amerika“ aus ihrem Land vertreiben wollen. Wieder verleiht die Kamera den Menschen Gehoer, ihren Erzaehlungen von „Civil Disobedience“ gegen die Besatzer und dem Streben nach wirklicher Demokratie & freien Wahlen. Nur wenige Augenblicke spaeter werden wir aber auch Zeuge von Hasspredigen und „Festnahmen“ von Alkoholverkaeufern.
Eine Gruppe von Maennern – die einzige Frau, die im ganzen Film zu Wort kommt, bittet um die Freilassung ihres Mannes, der faelschlicherweise als Alkoholverkaeufer festgenommen wurden sein soll – schlaegt moderate Toene an und gibt zu Bedenken, dass „Amerika“ die irakische Bevoelkerung studieren muesse und nicht mit dem Panzer kommen, um sie zu veraendern.
„Kurdish Spring“ folgt einer Familie in den Norden Iraks. Ein Mann spricht davon, dass die Zukunft des Iraks „will be in three pieces“: den Anhaengern der Sunna, denen der Schia und den Kurden – und es muss zeigen, ob alle 3 zusammen leben koennen.
IRAQ IN FRAGMENTS ist James Longleys 2. Film. 2 Jahre hat er dafuer im Irak gelebt. Angefangen zu drehen hat er 2003, nach Ende des Krieges. In einem Interview, dass auch als Extra auf der DVD zu finden ist, berichtet er davon, wie einfach es damals war in den Irak zu kommen und sich dort frei zu bewegen. Heute waere das nicht mehr moeglich.
Ganz allein, ohne Kamerateam oder Security, nur mit einem Apple G4, 2 500GB grossen externen Festplatten und 2 Panasonic DVX100A Kameras, hat Longley den Film gedreht. Im Interview berichtet er auch davon, wie es aufgrund der kleinen (unbedrohlichen) Kamera, dem nicht vorhandenen Team und der langen Zeit, die er im Irak gelebt hat, moeglich war, das Vertrauen der Menschen zu gewinnen.
Die Kameraarbeit bei IRAQ IN FRAGMENTS ist wirklich sehr interessant! Im ersten Teil schafft es Longley innerhalb der ersten 5 Minuten durch das Zusammenspiel von Zeitraffer & Zeitlupe, dem Wechsel der Einstellungen von der Totale bis zur Grossaufnahme, ein Bild des Ortes zu vermitteln, diese Welt dem Zuschauer nahe zu bringen. Der Effekt, der mitunter leicht verwackelten/rasanten kleineren Digitalkamera und dem Folgen des Junges auf dem Fusse, was auch an den kriegsberichterstattenden „embedded journalist“ denken laesst, verstaerkt dies noch.
Im 2. Teil sind es zu Beginn sehr lange Einstellungen, spaeter dann schnelle Schnitte, die die aufgeladenene Stimmung sehr gut einfangen. „Kurdish Spring“ zeigt dann auch sehr viele schoene, fast idyllische Bilder.
James Longley plant bereits einen weiteren Film ueber den „mittleren Osten“. Tumbe Amerikakritik oder spektakulaere Bilder wird es wohl auch da wieder nicht geben.
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